Heimvolkshochschule Hermannsburg

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Aus dem Winterkurs 2003/2004

"moving times – Zeit für Veränderung"

 

Vom 3. November 2003 bis 5. März 2004 hat an der HeimVolkshochschule Hermannsburg der 112. Winterkurs stattgefunden, und zwar erstmals unter dem Motto „moving times“ und erstmals unter der Leitung von Imke-Marie Badur. Sie und die Teilnehmerin Conni Kaufmann berichten hier von ihren Erfahrungen.


Tief im Winter des nachts in einer Jahrhunderte alten Klosterkirche: Eine Gruppe junger Menschen mit Kerzen in den Händen schreitet durch den Raum und singt mehrstimmig "Laudate omnes gentes".

 

Im Licht von Scheinwerfern auf einer Bühne: Dieselben jungen Menschen stehen Arm in Arm in einem engen Kreis. Aufregung liegt in der Luft. Gleich wird das Publikum rein kommen. Mit einem selbst erfundenen Motivationsruf wünscht man sich gegenseitig viel Mut für die bevorstehende Theateraufführung.

 

Vormittags um 9.00 Uhr in einem Stuhlkreis im Pavillon: Krisensitzung in angespannter Atmosphäre. Es geht um verschwundene Gegenstände, das Reden hinter’m Rücken und unterschwellige Gruppennormen. Eine Pädagogin und ein Pädagoge moderieren und versuchen zu klären.

 

Im Winterkurs reihen sich schöne und unangenehme, spektakuläre und unsichtbare, geplante und zufällige Erlebnisse und Erfahrungen wie zu einer originellen und bunten Perlenkette aneinander. Alle Beteiligten nehmen am Ende ihr individuelles Schmuckstück mit nach Hause. Und immer, wenn man nach einiger Zeit mal wieder drauf schaut, werden sich vermutlich die Farben und Muster einzelner Perlen gewandelt haben...

 

Meinen persönlichen Weg durch den Winterkurs möchte ich aus heutiger Perspektive vor allem als spannend, herausfordernd und lehrreich bezeichnen. Die daraus resultierende Perlenkette ist sicher nicht ganz perfekt, aber dafür ist sie sehr bunt – und enthält etliche sehr wertvolle Edelsteine. Ich trage sie mit einem gewissen Stolz, denn schließlich war dies meine erster Winterkurs, und insgesamt erscheint mir dieses "Gesamtkunstwerk" durchaus gelungen.

 

Als ich am 1. April 2003 mit meiner Arbeit an der HeimVolkshochschule begann, begleitete mich vor allem eine Zuversicht: „Es muss doch zu schaffen sein, einen solch einmaligen, attraktiven und sinnvollen Kurs wieder in Schwung zu bringen!“ Etliche Interviews mit jungen Altschülerinnen und Altschülern bestätigten meine Annahme, dass der Kurs konzeptionell gut ist, es ihm jedoch an Bekanntheit fehlt. So konzentrierte ich mich vor allem auf die Öffentlichkeitsarbeit: ein neues frisches Kursmotto, ein farbenfroher und übersichtlich strukturierter Werbeprospekt, Kontaktaufnahme mit verschiedenen alten und neuen Multiplikatoren, einige Vorträge in Berufsinformationszentren, Stände auf Jugendveranstaltungen, redaktionelle Berichte und Anzeigen in Zeitschriften, Werbemaßnahmen im Internet, etliche Beratungsgespräche – und auf einmal waren sie da, die 17 festen Anmeldungen zu den "moving times"!

 

Bei aller Freude über diese Zahl wurde mir bei Kursbeginn jedoch schlagartig klar, dass die Anwerbungsaktivitäten wohl "Peanuts" gegenüber dem gewesen waren, was uns nun bevor stand: Knappe fünf Monate verantwortlich sein für eine Gruppe suchender junger Menschen; und das zu einer Zeit, in der unser Team zusätzlich mit Schulleitungswechsel, Einführung eines Qualitätsmanagement-Systems und gesundheitlichen Problemen belastet war. Die größte Herausforderung meines bisherigen Lebens!? – Ich glaube schon. Zuständig für die Inhalte Kommunikation, Theater, Singen und Entspannungstraining sowie für Einzelgespräche, Kurskonferenzen und die Gesamtorganisation des Projekts hatte ich wirklich allerhand zu tun.

 

Das Gerüst des Kurses bildeten die wöchentlich wiederkehrenden Angebote des HVHS-Teams, wie z.B. Glaube und Biographie (Walter Scheller), Bewerbungstraining und Berufsorientierung (Jürgen Schneider), Psychologie, Politik und Sport (Christian Makus), Bildende Kunst (Johanna Schmidt) und meine oben genannten Inhalte. In nahezu jeder Woche fanden darüber hinaus Projekttage zu bestimmten Themen statt, wie z.B. Erlebnispädagogik, Rhetorik oder ein Persönlichkeitstest. Auch das Thema „Umgang mit Konflikten und Gewalt“ wurde an mehreren Tagen behandelt, u.a. mit dem Projekt „Schritte gegen Tritte“ und im Rahmen einer einwöchigen Mediatoren-Schulung in Zusammenarbeit mit dem Verein „Brückenschlag e.V.“. Eingestreut wurden immer wieder Kurzangebote wie Kreatives Schreiben, Tanzen, Gedächtnistraining und verschiedene Vorträge. Wo es sinnvoll war, nahm der Winterkurs darüber hinaus an einzelnen Einheiten anderer HVHS-Seminare teil, so z.B. am Seminar "Krieg und Frieden" und an einer Begegnung mit trockenen Alkoholkranken.

 

Zahlreiche Tagesausflüge führten den Winterkurs an verschiedene Ziele in und um Hermannsburg, nach Celle, nach Hannover und nach Hamburg. Die Besuche der Gedenkstätte Bergen-Belsen, eines russisch-orthodoxen Gottesdienstes, einer Aufführung im Celler Schlosstheater, eines Bestattungsinstituts und einer Lesung mit Sir Peter Ustinov im Hamburger Thalia-Theater bildeten dabei sicherlich die Höhepunkte.

 

Was die Studienfahrt betraf, so entschied sich die Gruppe für Ora-et-Labora-Tage im Kloster Bursfelde bei Göttingen. Neben vier täglichen Gebetszeiten und Arbeitsaufgaben wie "Holz stapeln", "Bücher sortieren" und "Kirchturmtreppen von Taubendreck befreien" gab es Zeiten des Schweigens und der Meditation, was für einige der Teilnehmerinnen zu wegweisenden spirituellen Erfahrungen führte.

 

Unter dem Begriff "Peer-Teaching" (zu übersetzen als: Gleichaltrige unterrichten Gleichaltrige) wurden alle Winterkurslerinnen und Winterkursler dazu verpflichtet, im Verlauf der fünf Monate einen eigenen Vortrag zu halten – entweder über die eigene Heimat oder über ein persönliches Spezialthema. So gab es z.B. einen Südafrika-Abend, eine Tee-Probe, einen Bericht über eine Europa-Reise im VW-Bulli und eine Einführung in erzgebirgische Weihnachtsbräuche. Wer mochte, konnte darüber hinaus eigene Unterrichtseinheiten anbieten. Ein wöchentlicher Gitarrenunterricht, zahlreiche Literatur-Abende und einige Back- und Bastelaktionen fanden dabei durchaus dankbare Interessenten. Auch die Möglichkeit, Morgenandachten selbst zu gestalten oder im Familienseminar "Advent feiern und gestalten" die eigenen pädagogischen Fähigkeiten zu erproben, wurde von einigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern gern wahrgenommen.

 

Zusammengehalten wurde der Kurs von wöchentlichen Kurskonferenzen, in denen die gemeinsame Zeit geplant und reflektiert wurde und Konflikte angesprochen werden konnten. Besondere Intensität hatten zudem die Zielvereinbarungsgespräche, in denen in Einzelberatung individuelle Entwicklungsziele und -schritte besprochen wurden. In vielen Fällen stand die Berufsorientierung im Vordergrund. Häufig ging es jedoch auch um die Verarbeitung persönlicher Probleme. Ich war sehr erstaunt, welch große Verletzungen und Enttäuschungen sich oftmals hinter den nach außen so fröhlichen Gesichtern verbargen. Wie gut, dass diese jungen Menschen den Winterkurs als eine Chance zur Bearbeitung ihrer Themen entdeckt hatten!

 

Erfreulich war die gute Kooperation mit der Mitarbeiterschule des Missionsseminars (Herzlichen Dank an Frau Mann!). Insbesondere Fächer wie "Persönlichkeitstheorien", "Cross-Culture-Training" und "Umgang mit Tod, Trauer und Sterben" wurden vom Winterkurs als gewinnbringend empfunden. Darüber hinaus wurden einige spirituelle Angebote des Missionsseminars für interessierte Winterkurslerinnen und Winterkursler geöffnet. Unsere Ausländerinnen profitierten zudem vom Deutsch-Unterricht der Mitarbeiterschule. Im Gegenzug nahmen die fünf Mitarbeiterschülerinnen gelegentlich an unseren Angeboten teil.

 

Neben all den offiziellen Angeboten heißt Leben in der HeimVolkshochschule aber auch (und vor allem?) die Freizeit gemeinsam zu gestalten. Radtouren, Einladungen in die Privatwohnungen der Pädagoginnen und Pädagogen, Weihnachtsmarkt, nächtliches Joggen, Disko-Besuche, Wassertreten im Lutterbach, Billardspielen im Bistro, gemeinsames Singen zum Klavier, Internetnutzung, Video-Gucken und Musikhören, Mensch-ärgere-dich-nicht und Karten spielen, Sauna, Gespräche bei Tee und Kerzenschein, Tanzen und Feiern und vieles mehr waren offenbar so attraktiv, dass jedes Wochenende etwa zwei Drittel der Gruppe in der HVHS blieben.

 

Trotz aller Anstrengung, die der Kurs für mich bedeutete: Spätestens bei der engagierten Theateraufführung auf der Frühjahrstagung, einer szenischen und musikalischen Collage zum Thema "Liebe und Partnerschaft", wurde mir leicht und warm um’s Herz. Die Teilnehmenden am Winterkurs waren zu einer Gruppe geworden! Aus den Einzelgesprächen wusste ich, dass sich für viele der Blick auf ihr Leben verändert hatte und vor allem: dass Perspektiven für die Zukunft entwickelt worden waren. Das Ziel des Winterkurses war also erreicht. Im schriftlichen Feedback der Teilnehmenden erhielten wir als Mittelwert 7,15 von 9 möglichen Punkten.

 

Ein schöner persönlicher Erfolg war es auch, dass ich einen Redakteur der Wochenzeitung "DIE ZEIT" von der Besonderheit unseres Winterkurses überzeugen konnte. Im Januar begleitete ein junger Journalist zwei Tage lang den Kurs – und veröffentlichte am 12. Februar 2004 in der Rubrik „ZEIT-Chancen“ einen sehr schönen halbseitigen Artikel mit der Überschrift "Sinnsuche in der Heide". (Der Text ist im Online-Archiv der ZEIT unter www.zeit.de abzurufen.) Zwei Radio-Interviews und etliche Anrufe von interessierten Eltern waren die Folge. Und so hoffe ich, dass die Öffentlichkeitsarbeit für den nächsten Kurs etwas leichter wird.

 

Gestärkt hat mich die ganze Zeit über, den Kurs von den guten Gedanken und Gebeten der Altschülerschaft begleitet zu wissen. Es ist ein gutes Gefühl, in eine lange Tradition eingebunden zu sein – und dennoch die Freiheit zu haben, Dinge verändern zu dürfen. Danken möchte ich an dieser Stelle auch allen Altschülerinnen und Altschülern, die bei der Öffentlichkeitsarbeit geholfen haben. Rund die Hälfte der Teilnehmenden ist auch in diesem Jahr wieder über persönliche Empfehlungen zu uns gelangt. Und Dank auch an alle, die Geld für den Kurs gespendet haben. Ohne die Teilstipendien wäre einigen jungen Menschen die Kursteilnahme nicht möglich gewesen.

 

Nach Abreise der Gruppe schlief ich in der Nacht vom 5. auf den 6. März erstaunliche 17 Stunden am Stück – eine Stunde Erholung von jedem einzelnen Gruppenmitglied!

 

Imke-Marie Badur

 


"moving times – Zeit für Veränderung" – Als ich am 3. November 2003 den Winterkurs begann, waren diese fünf Worte nicht mehr als ein Versprechen. Nach fünf Monaten sollten sie sich als richtig oder falsch herausstellen.

 

Heute, zwei Monate nach dem Kurs, kann ich sagen: Ja, es war eine Zeit voller Veränderung und vor allem eine Zeit der Bewegung. Bewegung in meinen Ansichten, Gedanken und Vorstellungen.

 

Mein Plan für mein Leben stand eigentlich seit meinem 14. Lebensjahr fest: Abitur beenden und gleich danach Psychologie studieren. Ohne Pause, gleich weiter. Keine Zeit für Veränderung, sondern Einhaltung meines selbst aufgestellten Planes. Dass es doch anders kam, lag nicht zuletzt daran, dass ich eine Absage für einen Studienplatz bekam. Nun stand ich vor der Wahl, irgendwo zu jobben, um Geld zu verdienen, oder einen Kurs mitzumachen, bei dem ich nicht wusste, was mich erwarten würde. Ich entschied mich für den Kurs. Und somit entschied ich, mich selbst besser kennen zu lernen.

 

Am Anfang war es gar nicht so einfach, mich auf die neue Situation einzustellen. Länger als zwei Wochen war ich vorher noch nie von meiner Familie getrennt gewesen. Doch jetzt hieß es, fünf Monate allein, ohne eine Person zu kennen, mein Leben zu verantworten. Als dann jedoch das erste schüchterne "Hallo, ich bin Conni, und wer bist du?" heraus war, dauerte es nicht lange, und ich schloss Freundschaften. Je mehr Zeit wir als Gruppe miteinander verbrachten, desto enger wuchsen wir zusammen – auch wegen der Kursinhalte und Stunden, in denen wir zum Beispiel über Kommunikation und Psychologie sprachen. Ich weiß noch genau, als es auf einmal hieß: "Jetzt üben wir die Einheit in einer Vierer-Gruppe." Am Anfang kostete es mich echt Überwindung, einfach Dinge zu machen, ohne dabei Angst zu haben, was wohl die anderen von mir denken würden. Doch auch die ab und zu peinlichen Übungen in Theater halfen mir, mich selbst zu überwinden und aus mir herauszukommen.

 

Ich erkannte mehr und mehr, dass ich auch in Sachen wie dem gegenseitigen Respektieren und der Nächstenliebe noch lange nicht perfekt bin. Den Menschen anzunehmen mit seinen Eigenschaften und seiner Persönlichkeit und ihn nicht in irgendeine Schublade zu stecken, habe ich in der Zeit ganz praktisch lernen können. Oft stellte ich mir die Frage: Inwieweit lasse ich dem Menschen überhaupt die Chance anders zu reagieren, als ich von ihm erwarte?

 

In dem engen Zusammensein bleiben Konflikte natürlich nicht aus. Doch der Kurs war ein Übungsfeld, konstruktiv mit Konflikten umzugehen und eine Lösung beidseitigen Einverständnisses zu finden.

 

Was für mich auch sehr einprägsam war, waren die erlebnispädagogischen Stunden, in denen wir unser gegenseitiges Vertrauen zueinander testen konnten. Ich hätte nie gedacht, wie viel Überwindung es kostet, sich in die Hände von anderen fallen zu lassen, mit dem Vertrauen, dass man aufgefangen wird. Doch nach einiger Zeit hat es fast jeder gewagt.

 

Neben innerlicher und persönlicher Entwicklung entstand auch langsam ein neues Bild für mein Berufsziel. Ich habe mich entschlossen, Sozialpädagogik an einer Fachhochschule zu studieren. Zur Zeit mache ich aus diesem Grund ein 6-monatiges Praktikum in der Kinder- und Jugendarbeit. Jetzt gehe ich Schritte nach vorn und steuere das neue Ziel an.

 

Ich bin dankbar, diese Pause nach meinem Abitur gehabt zu haben, auch wenn das hieß, meine eigenen Pläne aufzugeben und Neues zu wagen. Doch ich bereue es nicht. Ich fühle mich, zwei Monate nach dem Ende des Winterkurses, immer noch mit Hermannsburg und der HeimVolkshochschule verbunden, auch wenn es nicht ganz einfach ist, zu allen Teilnehmern Kontakt zu halten, weil – wie bei jeder Freundschaft – Arbeit und Zeit dahinter steckt. Doch zum Glück gibt es in der heutigen Zeit gute Möglichkeiten, sich schnell mit den anderen auszutauschen. Und nicht zuletzt gibt es ja zwei feste Termine, die in den nächsten fünf Jahren schon rot in meinem Kalender angestrichen sind. Die Frühjahrstagung und das Treffen im Herbst, wo die Möglichkeit gegeben ist, alle wieder zu sehen.

 

Ich danke Gott, dass ich die Möglichkeit hatte, diesen Kurs zu machen.

 

Conni Kaufmann

 

 

Der Winterkurs "moving times" 2003/2004 in Zahlen: 

 

 

Teilnehmerzahl:

17, davon 13 weiblich und 4 männlich 

Alter:

zwischen 18 und 23 Jahren (überwiegend Jahrgänge 1982-84)

Schulbildung:

9 Abitur, 4 Fachhochschulreife, 4 Mittlere Reife

Berufsbildung:

3 mit abgeschlossener Berufsausbildung, 2 Studentinnen

Nationalitäten:

2 Südafrikanerinnen, 1 Russin, 1 Estin und 13 Deutsche

Bundesländer:

1 Mecklenburg-Vorpommern, 1 Sachsen, 1 Sachsen-Anhalt, 1 Nordrhein-Westfalen, 2 Schleswig-Holstein, 7 Niedersachsen

Aufmerksam geworden auf Winterkurs:

1 durch Werbung im Internet, 1 durch Plakat, 2 durch Artikel und Anzeigen in Zeitschriften, 2 durch Empfehlung des Berufsinformationszentrums, 2 durch Verwandtschaft zu Altschülerin/Altschüler, 3 durch eigenen Besuch der HVHS als Kind, 6 durch Empfehlungen von anderen Erwachsenen, die mit der HVHS in Verbindung stehen

 

 

 
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